Montag, 5. Oktober 2009

Warum mein Kind evangelisch getauft wurde

Nachdem mein Sohn Tristan schon 5 Wochen auf der Welt war, meinte meine Frau, die sehr katholisch und traditionell denkt, dass es besser sei, den Kleinen schnell taufen zu lassen. Der Grund für diese Eile schien mittelalterlicher Glaube zu sein, der ungetaufte, unschuldige kleine Kinder im Fall des plötzlichen Ablebens direkt ins Höllenfeuer schickt. Ich gehöre dem protestantischen Verein an, während meine Frau lieber Weihrauch schnüffelt, aber wir sind einig in der Auffassung des Glaubens: Der christliche Gott ist nicht konfessionsgebunden. Vielleicht hat meine Frau eine etwas konfessionsgebundenere Vorstellung, daher entschlossen wir uns, Tristan katholisch taufen zu lassen.
Da das Sakrament so schnell wie möglich vollzogen werden sollte, standen wir vor argen Terminschwierigkeiten: Ich selbst arbeite meistens am Wochenende, an dem wie man weiß normalerweise getauft wird und weder die katholische noch die evangelische Glaubensgemeinschaft haben ihr Treiben bisher an moderne Phänomene und schon gar nicht an Schichtarbeit angepasst. Meine Mutter wollte zur selben Zeit auch noch den wohlverdienten Ruhestand in das sonnige Sizilien verlegen, und so blieben nur noch wenige weiße Flecken im Terminkalender. Der Familienrat fasste nach zähen Verhandlungen zwei mögliche Sonntage und zwei bis drei Wochentage ins Auge.
Gleich am nächsten sonnigen Morgen packten wir Tristan in den Kinderwagen und rollten ihn zum örtlichen Gemeindebüro der M.....-kirche in Bad Homburg. Dort angekommen ließen wir den Kinderwagen vor der nicht zu überwindenden kleinen Treppe nebst schmaler Tür zurück und enterten hoffnungsvoll das heilige Büro. Dort begrüßte uns eine ältere Dame, der wir dann unser Anliegen unterbreiteten. Es entwickelte sich folgender Dialog:

Wir: "Wir hätten gerne einen Tauftermin für unseren Sohn Tristan."
Ältere Dame: "Ich vergebe keine Tauftermine."
Wir: "Wer vergibt denn die Termine?"
Ältere Dame: " Der Pfarrer!"
Wir: "Wo ist der Pfarrer?"
Ältere Dame: "Der Pfarrer ist nicht da!"
Wir: "Wann finden denn grundsätzlich Taufen statt?"
Ältere Dame: "Wir taufen nur samstags."
Ich: "Ich arbeite meistens am Samstag. Wäre auch ein Sonntag oder ein Wochentag möglich?"
Ältere Dame: "Das entscheidet der Pfarrer."
Wir: "Können wir den Pfarrer anrufen?"
Ältere Dame: "Nein, der Pfarrer wird Sie zurückrufen. Hinterlassen Sie mir bitte Ihre Telefonnummer."
Wir: "Wann wird der Pfarrer voraussichtlich anrufen?"
Ältere Dame: "Es kann sehr lange dauern. Unser Pfarrer ist sehr beschäftigt. Die Gemeinde ist groß und er ist mit der Gemeindearbeit sehr belastet."
Wir: "Vielen Dank für die freundliche Auskunft."

Zu diesem Zeitpunkt trugen wir immer noch die unwahrscheinliche Hoffnung in uns, dass unser Sohn trotz aller Schwierigkeiten katholisch werden könnte. Erst nachdem auch nach fünf Tagen nachweislich kein Rückruf erfolgte, denn ich hatte keine "unbekannten Teilnehmer" auf meiner Anrufliste, begannen wir uns um die religiöse Zukunft unseres Sohnes Sorgen zu machen. Der Termindruck wuchs und schließlich erkannte auch meine Frau, dass die Taufe ein Sakrament ist, das beide Konfessionen wechselseitig anerkennen. Wir kehrten also den Weihräucherern den Rücken zu und wendeten uns an die Konkurrenz. Um es kurz zu machen: Dort hatten wir innerhalb von zwei Stunden einen Termin für den kommenden Sonntag.

Diese Episode zeigt, dass sich beide Kirchen in Zeiten rückläufiger Zugänge darauf besinnen sollten, dass sie auch und vielleicht sogar zwingend Dienstleistungsunternehmen sind, die Kunden zufrieden stellen sollten. Denn die Konkurrenz ist hellwach.

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